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Pressemitteilung

Familien am Limit: Kindernetzwerk warnt vor den Folgen aktueller Reformvorhaben

Berlin, 18. August 2026 – Familien mit chronisch kranken, behinderten und pflegebedürftigen Kindern stehen bereits heute unter enormem Druck. Mehrere aktuelle Reformvorhaben der Bundesregierung drohen ihre Belastungen weiter zu erhöhen. Das Kindernetzwerk e.V. warnt davor, die Auswirkungen dieser Maßnahmen isoliert zu betrachten. Aus Sicht des Verbands fehlt bislang eine erkennbare Gesamtstrategie, um Teilhabe, Inklusion und die notwendige Unterstützung betroffener Familien dauerhaft zu sichern.

„Familien mit einem chronisch kranken, behinderten oder pflegebedürftigen Kind müssen sich durch komplexe Antrags- und Unterstützungssysteme arbeiten. Eine Reform sollte diese Wege einfacher und verlässlicher machen. Stattdessen drohen neue Zuständigkeitsfragen, Nachweispflichten und Unsicherheiten“, erklärt Geschäftsführerin Dr. Henriette Högl mit Blick auf den jüngst beschlossenen Kabinettsentwurf zur Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe.

Besonders kritisch sieht das Kindernetzwerk, dass die Bundesregierung von der ursprünglich geplanten „inklusiven Lösung“ abrückt. Anstatt die Leistungen für alle Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen verbindlich unter einem Dach zusammenzuführen, soll dies nur noch freiwillig in einzelnen Kommunen erprobt werden. Für Familien bedeutet das: Ob sie von einfacheren Verfahren profitieren, ist vom Wohnort abhängig. Viele Eltern bleiben damit weiterhin mit einem unübersichtlichen Nebeneinander verschiedener Hilfesysteme konfrontiert.

„Gruppen- und Infrastrukturangebote können wichtige Bausteine für mehr Inklusion sein. Gerade Kinder und Jugendliche mit komplexen gesundheitlichen Einschränkungen sind auf passgenaue Hilfen angewiesen. Der Zugangsweg zu individueller Unterstützung muss daher klar und für die Eltern nachvollziehbar geregelt sein. Bewilligte individuelle Leistungen dürfen nicht wegfallen, bevor in einem transparenten Verfahren der Bedarf abschließend geklärt ist“, so Högl.

Die Reform der Kinder- und Jugendhilfe steht dabei nicht isoliert. Im Zusammenspiel mit weiteren Sparmaßnahmen in der Gesundheits-, Pflege- und Sozialpolitik drohen Familien mit chronisch kranken, pflegebedürftigen oder behinderten Kindern erhebliche Mehrbelastungen. Zusätzliche Bürokratie, Einschränkungen in der medizinischen Versorgung und bei Unterstützungsleistungen wirken nicht unabhängig voneinander, sondern verstärken sich gegenseitig.

Das Kindernetzwerk fordert die Bundesregierung deshalb auf, die Auswirkungen ihrer Reformvorhaben auf Familien mit chronisch kranken, pflegebedürftigen und behinderten Kindern stärker zu berücksichtigen und

  • die Kinder- und Jugendhilfe verbindlich inklusiv auszugestalten, 
  • für Familien klare und einfache Zuständigkeiten zu schaffen und den Anspruch auf bedarfsgerechte Teilhabe entsprechend den Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention zu sichern,
  • familienunterstützende Leistungen und eine verlässliche Infrastruktur insbesondere in den Bereichen Pflege, Betreuung, Bildung und Teilhabe zu sichern und auszubauen,
  • eine ressortübergreifende Familienpolitik zu entwickeln, die die besonderen Belastungen von Familien mit chronisch kranken, pflegebedürftigen und behinderten Kindern berücksichtigt,
  • bei allen sozial-, familien- und gesundheitspolitischen Reformvorhaben eine systematische Folgenabschätzung vorzunehmen, die auch deren kumulative Auswirkungen auf die finanzielle, zeitliche und gesundheitliche Belastung von Familien mit chronisch kranken, behinderten und pflegebedürftigen Kindern sowie auf die Kinder und Jugendlichen selbst berücksichtigt. 

„Familien mit chronisch kranken, pflegebedürftigen oder behinderten Kindern übernehmen bereits heute erhebliche Sorge- und Unterstützungsaufgaben, die für unsere Gesellschaft unverzichtbar sind. Statt Leistungen weiter einzuschränken, braucht es eine Debatte über die nachhaltige und solidarische Finanzierung unseres Sozialstaats. Die notwendigen Investitionen in Teilhabe, Pflege und die Unterstützung von Familien sind eine Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Familien brauchen verlässliche Unterstützung und Leistungen, die sich am tatsächlichen Bedarf ihrer Kinder orientieren. Inklusion und Teilhabe dürfen nicht vom Wohnort oder von der Durchsetzungskraft einzelner Familien abhängen“, so Högl abschließend.